Skifahren in Asien: Japans St. Moritz – Reise

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Ein Hotel zu leiten, ist für Masahiro Nishio, wie zu Hause sein Fernweh zu heilen. Es gab mehrere Gründe dafür, dass er vor drei Jahren das Country Inn Milky House am Fuße das Annupuri in Niseko von seinen Eltern übernahm. Einer davon war die Nähe zu den Menschen aus verschiedenen Ländern, die er hier, in seiner Heimatregion im schneereichen Süden der japanischen Nordinsel Hokkaido, mit Sicherheit finden würde. “Ich dachte: Niseko hat so viele Gäste aus dem Ausland. Wenn ich die treffe und mit ihnen rede, ist das so, als wäre ich unterwegs, obwohl ich hierbleibe.” Man merkt ihm an, wie sehr er die Gespräche mit den anderen mag. Nach dem Frühstück oder Abendessen bleibt er gerne für eine Weile am Tisch stehen, hört zu, erzählt selbst was. Aber dieses Jahr ist anders. Es gibt nicht viele Gäste aus dem Ausland.

Masahiro Nishio, 33, lebt in der wohl unjapanischsten Gegend Japans. Die Skiregion Niseko hat in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt, den vor allem Expats und ausländische Investoren angefacht haben. Mit viel Geld und Ideen haben sie die Siedlungen an der Westseite des Berges Annupuri in exklusive Skisport-Oasen verwandelt, die Touristen aus der ganzen Welt anlocken. Der Bahnhof von Kutchan liegt noch in einer typisch japanischen Kleinstadtlandschaft mit reizlosen Kastenbauten. Aber nur wenige Autominuten später hinter der Sankt-Moritz-Brücke, die zwischen dem erloschenen Vulkan Yotei und dem 1308 Meter hohen Annupuri über den Fluss Shiribetsu führt, beginnt eine andere Welt. Luxuriöse Eigentumswohnungen. Villen mit Spitzdächern. Chalets. Hotels. Ausländer haben hier für Ausländer gebaut. Und genau das ist in der Pandemie das Problem.

Masahiro Nishio betreibt das Country Inn Milky House. Das Haus stammt aus der Zeit, als Japaner den Fremdenverkehr hier noch weitgehend alleine betrieben, und es hat sich seinen knarzenden Skilagercharme bewahrt.

(Foto: Thomas Hahn)

Das Country Inn Milky House liegt abseits der Neubaugegenden in einer Villensiedlung im Wald. Das Haus ist 40 Jahre alt, es stammt aus der Zeit, als Japaner den Fremdenverkehr am Annupuri noch weitgehend alleine betrieben, und es hat sich seinen knarzenden Skilagercharme bewahrt. Der Betrieb läuft normal weiter. Der Chefkoch aus Nepal serviert jeden Tag ein raffiniertes Abendmenü aus Zutaten der Region. Man kann Ski mieten, die ins Haus gebracht werden. Und Masahiro Nishio wirkt entspannt. Aber wer die Wahrheit wissen will, dem sagt er sie. “Normalerweise haben wir im Winter zu 90 Prozent ausländische Gäste.” Aktuell gibt es ein Einreiseverbot, das diese fernhält. Zwischendurch war sein Haus gut gebucht, weil Einheimische und Ausländer mit japanischem Wohnsitz die Rabatte der staatlichen Tourismus-Förderkampagne “Go to Travel” nutzten. Aber dann stiegen die Infektionszahlen. Die Regierung in Tokio rief zum Daheimbleiben auf und stoppte die Go-to-Kampagne für die Neujahrsferien. Die Folge: “Viele Stornierungen.”

Alle in Niseko fühlen sich gerade wie aus den schönsten Träumen gerissen. Der Skiort ist eine etwas komplizierte Konstruktion aus vier Resorts, die als Niseko United einen gemeinsamen Skipass vermarkten: Hanazono, Grand Hirafu, Niseko Village, Annapuri. Das Country Inn Milky House liegt auf dem Gebiet der Stadt Niseko nahe den Annapuri-Liften, die einer japanischen Busgesellschaft gehören. Herr über das benachbarte Niseko Village ist YTL, das größte Konglomerat Malaysias. YTL besitzt nicht nur die Lifte, sondern ein ganzes Gebiet am Fuß des Berges, das es mit teuren Unterkünften, Läden und Gaststätten bebaut hat. Grand Hirafu liegt schon im Verwaltungsbereich von Kutchan, es gehört der japanischen Bahngesellschaft Tokyu. Und Hanazono gehört der Immobilienfirma PCPD aus Hongkong, die ebenfalls einige Luxushotels hier verwaltet.

Jeden Winter weht Kaltluft von Sibirien Richtung Hokkaido

Diese Konstellation ist erst in den vergangenen zehn Jahren entstanden. Es begann mit Australiern, die nach den Terroranschlägen auf New York am 11. September 2001 Alternativen zu den US-Skiorten suchten. “Sie sagten: Warum nicht Japan?”, erzählt Panch Ratnavale, Resort-Direktor in Niseko-Village, YTL-Mann aus Malaysia. Sie fanden in Niseko ein Pulverschneeparadies. Jeden Winter weht trockene Kaltluft von Sibirien Richtung Hokkaido, nimmt über dem Pazifik Feuchtigkeit auf und entlädt sich in ergiebigen Schneefällen über den Bergen. Kunstschnee braucht hier keiner. Und als die Australier ankamen, war das Land noch so billig, dass viele von ihnen beherzt zugriffen. Diese Grundstücke konnten sie bald teuer weiterverkaufen, weil auch der neue Geldadel vom asiatischen Festland auf Japans Nordinsel aufmerksam wurde. Die Nachfrage nach wintermärchenhaften Tagen in Luxus-Unterkünften am Annapuri wuchs, das Geld floss. “Wir hatten wirklich fantastische sieben, acht Jahre”, sagt Ratnavale, “zweistellige Zuwachsraten.”

Aber wirklich krisensicher war das Hoch nicht. Panch Ratnavale sitzt in der eleganten Lobby des Hotels “The Green Leaf” wie in einer ausgeräumten Goldgrube. Die Bar des Hauses ist normalerweise eine bevölkerte Partyzone für reiche Après-Ski-Genießer. Aber jetzt? Leere. “Normalerweise beträgt die Belegungsrate im Dezember 78 Prozent”, sagt er, “derzeit 20 Prozent. Bei niedrigeren Preisen.”

Am Annapuri

Die Lifte fahren, aber es sind kaum Gäste da. Denn die Japaner bleiben daheim, wenn die Regierung sie darum bittet.

(Foto: Thomas Hahn)

38 000 Yen, rund 300 Euro, kostet eine Übernachtung eigentlich. Derzeit 14 000 Yen, 110 Euro. Dieser Winter ist verloren. Und weil alle hier vom Winter abhängen, darf sich so einer nicht wiederholen. Ratnavale will positiv denken. Er hofft, dass mit dem Impfstoff die Normalität zurückkehrt. Wenn nicht? Droht vor allem kleinen Betrieben die Pleite: Skischulen, Pensionen, Restaurants, Cafés.

Von einer Saison zur nächsten auf Inlandsgäste umzustellen, geht eben nicht. Schon gar nicht in Japan, wo die Menschen wenig Urlaub haben, sparsam sind, Wert auf Vertrautes legen und daheimbleiben, wenn die Regierung darum bittet. Schon die Leute von Kutchan kommen selten in die Bergresorts. “Man sieht uns als fremdes Land hier, teuer, anders”, sagt der Gastwirt Dennis van den Brink.

Er hat an der Bar in seinem Coffeeshop “Green Farm” in Hirafu gewartet. Hinter ihm in der Küche sieht man sein internationales Team an den Mittagsgerichten arbeiten. Gäste sind wenige da. Van den Brink kam vor mehr als 20 Jahren aus den Niederlanden mit dem Fahrrad nach Japan. Er jobbte in Restaurants, stieg in die Ökolandwirtschaft ein und wurde in Niseko sesshaft. Er profitierte vom Boom. In den vergangenen zwei Jahren eröffnete er mehrere neue Restaurants. “Schlechtes Timing”, sagt er jetzt, aber wer konnte auch ahnen, dass eine Pandemie kommt?

Hotels bekommen staatliche Entschädigungen. Restaurants nicht

Mit der Go-to-Travel-Kampagne sah es anfangs so aus, als gäbe es eine Chance, das japanische Vorurteil vom exklusiven Niseko zu zerstreuen. Van den Brink heuerte Mitarbeiter an, mietete Unterkünfte für sie, kaufte Lebensmittel ein. Dann kam die neue Coronavirus-Welle. “Es ist niederschmetternd.” Seine neuen Restaurants sind geschlossen. Das gesamte Gaststättengewerbe in Niseko beklagt Einbrüche um 80 bis 90 Prozent im Vergleich zu normalen Wintern. Hotels bekommen staatliche Entschädigungen für Absagen wegen der suspendierten Kampagne. Restaurants nicht, denn die leben ja vor allem von Gästen, die einfach so vorbeikommen. “Wir haben investiert und jetzt weniger Einnahmen. Wir werden doppelt hart bestraft.” Auf den Sommer kann Dennis van den Brink auch nicht setzen. Investoren und lokale Geschäftsleute haben Niseko vor allem als Wintersportort entwickelt.

Masahiro Nishio im Country Inn Milky House weiß nicht, wie diese Geschichte endet. Die Regierung übernimmt Lohnkosten, “aber diese Hilfe läuft im April aus”. Er ist trotzdem optimistisch. Er und seine Eltern haben sich immer auf die kleine Welt ihres gemütlichen Hotels besonnen. Keine wilden Investitionen, Nachhaltigkeit. Rund um die Annapuri-Lifte achtet man darauf, dass nichts zu schnell wächst. Und es schneit, das ist das Wichtigste. “Solange wir Pulverschnee haben”, sagt Masahiro Nishio, “werden wir Gäste haben.”

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